Post-Launch-Depression

Geschrieben am 16.09.2015 in Webdev | 2 Kommentare

91vrBzqgSveXxB03xgrG_patterns

Die Post-Launch-Depression (PLD) ist eine unter Webentwicklern bekannte psychotraumatische Erfahrung, die den Entwickler gerne in jenem Moment kurzer Unaufmerksamkeit von hinten anfällt, wenn er gerade eben das Produkt, an dem man viele Monate gearbeitet hat, in die Freiheit entlässt. Schwierigkeiten bei diesem Ereignis, wenn also das Baby nicht so richtig ans Licht der Welt will und sich lieber im Server zu verkriechen sucht, bereiten für die PLD das Terrain besonders gut vor. In diesen Momenten ist der Entwickler besonders angreifbar.

Symptome der PLD sind unter anderem eine geistige Abkopplung des Entwicklers von seinem Produkt. Es gehört ja nun auch nicht mehr ihm (und seiner Gilde) alleine, viel mehr muss er es nun mit der breiten und mithin undankbaren Masse von Nutzern teilen, die sich allesamt allerhöchstens für das Aussehen interessieren, oder das auch alle Knöpfchen schön pling pling machen und am allermeisten eigentlich dafür, dass zwar alles neu und modern sein soll, dem Grunde nach sich aber nichts verändern soll. In einem Jahr Entwicklungszeit hat der Entwickler derart viele Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass-Situation erlebt, dass er der Bipolarität der Nutzermasse nur höchst gleichgültig gegenüber steht, was dann schon eine Ausdruck der PLD ist, denn er hat ja ein Jahr oder länger für die Nutzer gekämpft. Hunderttausend Details bleiben aber natürlich immer nur Details und die werden dort draussen selten betrachtet. Aber auch schon die Formulierung „dort draussen“ deutet auf eine schwere PLD hin. In einer recht aufwendigen Differentialdiagnose muss die PLD übrigens gegen andere in dieser Phase auftretenden Entwicklerkrankheiten wie der akuten Unlust, dem Teamstockholmsyndrom und dem *designerium homicerium“—der Lust Designer zu ermorden—abgegrenzt werden. Ein Zusammentreffen von PLD und Teamstockholmsyndrom ist übrigens keinesfalls unüblich, ganze Teams oder Abteilungen sind schon so der PLD zum Opfer geworden. Hier ist äußerste Vorsicht geboten und die Erkrankten sind in eine strenge Quarantäne—auch bekannt als Überstundenausgleich—zu nehmen.

Was hilft jedoch gegen die PLD? Wenn sie erst mal eingetreten ist leider nicht mehr so viel. Dann hilft nur warten, den Entwickler mit neuen Projekten (aber nichts Wichtiges bitte, die Gefahr des Scheiterns ist in dieser Phase hochprozentig) zu zuschütten und vor allem Alkohol. Am besten feiert man den geglückten Launch zwischen vier und sechs Mal und achte dabei darauf, die Entwickler ordentlich mit Bier und Champus abzufüllen. Danach sollte das PLD nach ca. vier bis sechs Wochen langsam abklingen. Ebenfalls als hilfreich haben sich agile Entwicklungsmethoden erwiesen. Der moderne agile Prozess an sich kennt ja keinen Launch, allenfalls den permanenten. Wenn sie es schaffen, am Tag nachdem ihre Website endlich online gegangen ist, so zu tun als wäre nichts passiert—einfach ganz normal ein daily machen—dann bemerkt Entwickler frühestens in der nächsten Review, dass sich irgendetwas verändert hat. Wenn dann die Retro geschickt um zwei, drei Wochen verschleppt wird, ist der Entwickler schon wieder viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um der PLD anheim zu fallen.

2 Kommentare

  1. Ron
    17. September 2015

    Grandios! Und am Teamstockholmsyndrom leide ich ganz außerordentlich!

  2. Jens Grochtdreis
    17. September 2015

    Herrlicher Text. Das kenne ich alles, jetzt haben diese diffusen gefühle aber endlich griffige Namen bekommen. Danke dafür!